des Wissens, der Weisheit und der Welt
Geschichten werden erzählt, solange es Menschen gibt. Sie sind unser Mittel, Erinnerungen lebendig zu halten. Geschichten sind manifestierte Ideen, Lehren, Weisheiten und Erkenntnisse. Geschichten haben Tiefendimensionen, die wie Schichten einer Zwiebel in ihnen schlummern, um eines Tages zur rechten Zeit erweckt zu werden, gleich Samen, die aufkeimen, wenn sie von der Wärme und vom Licht der Sonne berührt werden, um Farbe, Form und Geruch zu verströmen. Geschichten verlieren nichts, wenn sie immer wieder erzählt werden, im Gegenteil, sie reifen wie ein guter Wein. Geschichten sind nicht statisch, denn jeder erzählt sie auf eigene Art und Weise, setzt andere Schwerpunkte, lässt das eine aus, fügt das andere hinzu und gestaltet sie allein durch die Art, wie er beim Erzählen betont, phrasiert und Pausen setzt. Selbst beim Lesen erschließen sie sich nicht jedem in derselben Art und Weise, weil der Fokus eines jeden Lesers anders ist und auch der Zeitpunkt, wann jemand eine Geschichte liest, entscheidend die Wirkung beeinflusst. Geschichten sind Schatzkammern, in denen Juwelen und Kostbarkeiten verborgen sind, die auf einen findigen Schatzsucher warten. Geschichten gehören nie jemandem, da sie aus dem Kollektiv menschlichen Bewusstseins stammen. Allerhöchstens ihre äußere Ausgestaltung könnte ein Geschichtenerzähler für sich beanspruchen, aber warum sollte er das tun? Kann und will er seine Geschichte nicht immer neu erzählen? Geschichten haben einen abstrakten Kern, dieser bleibt immer erhalten, wird manchmal deutlicher und manchmal verschleiert, je nach Intention und Begabung des Geschichtenerzählers. Und sie haben eine äußere Gestalt, die sich dem Zuhörer, der Zeit, der Kultur und dem äußeren Rahmen anpasst. Ganz ähnlich wie ein Mensch – ginge man davon aus, dieser bliebe gleich, der in verschiedenen Kleidern zu uns käme, mal im Badeanzug, mal im Abendkleid, mal in Freizeit- oder Arbeitskleidung. Die Geschichten, die ich erzähle, sind oft schon vor mir von anderen erzählt worden und ich stimme dem weisen König Salomon zu, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Alles war bereits. Manche Geschichten habe ich gelesen, andere erzählt bekommen, manche fast vergessen und dann wiedergefunden, manche oft weitererzählt, andere nur in einer ganz speziellen Situation. Die Geschichten, die ich erzähle, sind die, die mich am meisten berührt haben, und ich erzähle sie so, wie ich sie in der Erinnerung habe. Ich erzähle sie nicht, um zu zeigen, was für ein guter Geschichtenerzähler ich bin, sondern um ihnen neues Leben zu schenken und um die Berührung, die sie mir geschenkt haben, mit anderen zu teilen.
Die eigentliche Bedeutung und Wirkung einer Geschichte: Wer über den Sinn und die Bedeutung einer Geschichte nachdenkt und sie analysiert, wird sicher einen Nutzen daraus ziehen. Wer mit anderen darüber diskutiert, dem werden sich durchaus noch andere Aspekte der Geschichte erschließen, die er vorher übersehen hatte. Wer historisch forscht, aus welchem Kontext die Geschichte kommt, wer sie geschrieben oder erzählt hat, in welcher Kultur und Zeitperiode sie entstand und durch welche Aspekte sie gefärbt wurde, wird faszinierende neue Seiten der Geschichte kennenlernen. Aber letztlich werden all diese Facetten der Geschichte nur den Intellekt befriedigen und ihn mit Wissen und Selbstzufriedenheit füllen. Man nehme z.B. die Geschichte der Bibel über die Arbeiter des Weinbergs. Wie viele Auslegungen und Interpretationen gibt es wohl darüber, was Jesus gemeint haben könnte? Die einfachste und offensichtlichste Wirkung der Geschichte wird aber leicht übersehen, die da ist: Was macht die Geschichte mit mir, wenn ich sie lese oder erzählt bekomme? Werde ich wütend, traurig oder bin ich belustigt? In welchen Zustand werde ich versetzt? Was löst die Geschichte bei mir aus? Meine Empörung über die Ungerechtigkeit, dass einer für die wenige Arbeit das gleiche Geld verdient, zeigt mir Identifikation und Positionierung in der Geschichte. Als würde ich plötzlich ein Teil oder ein Spieler der Geschichte sein, ergreife ich Partei, bewerte und beschreibe. Und dies ist es, was ich lernen kann! Es geht nicht um mein intellektuelles Verständnis, es geht um meine emotionale Reaktion. Die Geschichte berührt mich, bewegt mich und verändert mich und sei es nur für einen Augenblick. Diese innere Bewegung meines Bewusstseins ist der tiefste Auftrag einer Geschichte und ihre eigentliche Bedeutung für mein Leben.
Autor: Kabir Bäter
Preis: 35,- Euro